O N Y A N G A


Die stumme Zeugin


Leseprobe

Das Allradfahrzeug lag zerschmettert in der Schlucht. Die Wasserkanister waren kaputt und das wertvolle Nass hatte sich über das Wrack ergossen. Die Reifen waren geplatzt, die Motorhaube eingedrückt. Die Frontscheibe war völlig zersplittert, und die feinen Glasscherben lagen verstreut über den traurigen Überresten des Pick-ups. Dieses Auto konnte kaum wieder fahrbar gemacht werden, und dass man es niemals vollständig aus der Schlucht bergen konnte, war ihr bereits von oben klar. Monikas Oberkörper lag weit nach vorn gebeugt, beinahe das Gleichgewicht verlierend. Sie betrachtete die Unfallstelle mit einem Stirnrunzeln. Ihre Augen suchten sorgfältig die kaputten Überbleibsel des Wagens ab, und sie hoffte, keine Menschen mehr darin finden zu müssen. Leider war es ihr vom Plateau aus nicht möglich, in die Fahrerkabine zu blicken. Sie musste unwillkürlich an den Fahrer denken, der wie ein Irrer die Straße hinuntergefahren war und sie beinahe überfahren hatte. Vergeblich suchte sie nach einer Erklärung. Warum liegt dieser Wagen in der Schlucht? Wo sind die Insassen? Holt der andere Fahrer etwa Hilfe? Sie vernahm nicht das geringste Geräusch. Ist dort unten niemand mehr? Monika schüttelte den Kopf und streckte den Rücken. Sie drehte sich um die eigene Achse und überblickte den weitläufigen Platz. Es war ruhig, kein Geräusch mehr hörbar. – Die Schüsse! Sie kamen eindeutig von hier.
Doch hier ist niemand. Was, verflixt noch mal, ist hier geschehen? Ihre Zähne knabberten automatisch an ihren Lippen.
Ihr Augenmerk galt erneut dem Wrack. Ihr Inneres arbeitete weiter auf Hochtouren, doch Antworten fand sie keine. Ein Seufzen drang aus ihrem Mund. Sie würde den Grund des Unfalles zu diesem Zeitpunkt wohl kaum herausfinden können. Wichtig waren in diesem Moment nur die Menschen, die eventuell dort unten liegen könnten. Sie musterte den sandigen Boden unter ihren Füßen; von alleine rollte jedenfalls ein Auto nicht über den Abgrund hinaus. Sie entschloss sich kurzerhand zu einem Abstieg. Sie musste Gewissheit haben. Auf der Ladefläche lag das Seil, sie ergriff es und rollte es auseinander. Das eine Ende warf sie über den Abgrund, das andere befestigte sie an ihrem Wagen. Durch mehrmaliges Ziehen vergewisserte sie sich, dass der Knoten auch ihr Gewicht zu halten vermochte, und begann vorsichtig mit dem Abstieg.
Sie schaffte jedoch nur die Hälfte. Mitten im steilen Hang verharrte sie, das Seil angespannt durch ihr Gewicht. Sie hörte den Schrei und ruckartig hob sie den Kopf, versuchte herauszufinden, aus welcher Richtung er kam. Er drang nicht aus dem Wrack, das war sicher. Der Schrei musste von der anderen Seite des Platzes kommen. Trotz des Echos, welches eine genaue Ortung nicht zuließ, war sie davon überzeugt. Sie packte das Seil fester, ihre Füße stemmte sie gegen das Geröll und ihre Armmuskeln waren auf das Äußerste angespannt. Der Aufstieg war anstrengend, doch achtete sie kaum darauf, genauso wenig wie auf den Schmerz in ihrer Handfläche, da das Seil in ihr Fleisch schnitt. Sie bekam das Gefühl, sich beeilen zu müssen, ihre Gedanken waren plötzlich mit Angst gefüllt. Oben auf dem Plateau angekommen, orientierte sie sich neu und warf einen hastigen Blick über den Platz. Sie entdeckte den schmalen Pfad, der an der Kante aus ihrem Blickfeld entschwand. Ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Obwohl das Echo verzerrt gewesen war, glaubte sie eine ihr vertraute Stimme gehört zu haben.



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